Das Ende einer Handball-Spielzeit ohne Wert(ung)

Weil Training ab Montag unmöglich sein wird, ist die Saison im HVN-Gebiet faktisch beendet

War’s tatsächlich einen Versuch wert? Oder war der von vornherein zum Scheitern verurteilt? Die Meinungen der Handball-Klubs im Hoheitsgebiet des niederrheinischen Verbandes HVN vor dem Saisonstart drifteten auseinander. Nun sind alle schlauer. Der HVN bricht die Spielzeit 2020/2021 ab. Nein, er lässt vielmehr abbrechen. Am Mittwoch. Von der Politik.

 

Ende des Höhenflugs durch die Saison: Johann Slawski beendet mit dem TV Borken die Spielzeit auf einer Spitzenposition ohne Wert. Dessen Vater André beschert der Abbruch einen seltsamen Abschied vom Landesligisten – nach sechs Jahren als Trainer.

Der Verband schreibt auf seiner Homepage: „Für den Fall, dass seitens der Regierung […] eine Entscheidung ergeht, die einen Trainingsbetrieb […] über den bisher festgelegten 14. Februar hinaus weiterhin unmöglich macht, wird die Saison […] ohne Spielwertung für beendet erklärt. Es finden kein Auf- und kein Abstieg statt.“ Dies habe das Präsidium und die Technische Kommission des HVN ebenso einstimmig beschlossen, wie anschließend das Erweiterte Präsidium. Zwar wollen erst am morgigen Mittwoch Bund und Länder über ihr weiteres Vorgehen in der Pandemie beraten. Weil es aber jenseits der Vernunft und außerhalb jeglicher Vorstellungskraft liegt, dass die Politik Training ausgerechnet im Vollkontaktsport Handball ab kommenden Montag wieder erlaubt, ist die Spielzeit faktisch bereits jetzt beendet.

„Unsere Damen können sich nun auf die gefühlt längste Saisonvorbereitung ihres Lebens einstellen“, sagt Jörg Levermann, Trainer des Verbandsligisten TV Borken, der den Abbruch schon länger geahnt hatte. „Und der ist vernünftig, macht Sinn. Wir haben in unserer Gesellschaft schließlich andere Sorgen. Es kann doch nicht sein, dass Händler ihre Geschäfte schließen müssen und wir Handball spielen.“

Erst fünf der angesetzten 28 Saisonspiele hatte sein Team bis Ende Oktober ausgetragen. Um zumindest eine Halbserie zu komplettieren, die dann eine Saisonwertung hätte ermöglichen können, wären also noch neun Partien nötig. Levermann rechnet: „Auch wenn wir Ende März wieder hätten spielen können, wären uns abzüglich der Osterferien nur noch etwa eineinhalb Monate bis zum Saisonende geblieben. Das hätte also nicht wirklich funktioniert.“ Der offizielle letzte Spieltag wäre am 9. Mai gewesen. „Jetzt müssen wir Trainer uns noch weitere sieben Monate Gedanken machen, wie wir das Loch füllen“, sagt Levermann, der das im Gespann mit Michele Grimmelt bereits seit drei Monaten versucht. Übungseinheiten per Video haben auch beim Verbandsligisten Hochkonjunktur. „Dazu viel Laufen“, so Levermann, der seinem Team diese Woche jedoch „sportfrei“ gegeben habe.

Auch Klubkollege André Slawski, der mit Jens Bietenbeck für die Borkener Landesliga-Herren zuständig ist, berichtet von unvermindert ehrgeizigen Aktiven. „Einige laufen bis zu 20 Kilometer oder fahren 100 Kilometer mit dem Rad“, berichtet der 47-Jährige, der sich aber über die Endlos-Vorbereitung auf die kommende Spielzeit keine Gedanken mehr machen muss. Er tritt ab. Und das irgendwie am Höhepunkt seiner sechsjährigen Schaffenszeit.

In den zweiten Lockdown gingen seine Männer als Tabellenführer. Eine nun wertlose Spitzenposition für den TV Borken, für den die Saison im Angesicht des möglichen Aufstiegs in die Verbandsliga nun besonders dumm gelaufen ist. Für den scheidenden Coach, den Sven Esser ablöst, ist das plötzliche Saisonende damit doppelt ernüchternd: „Was für ein blöder Abschied für mich“, sagt Slawski.

Der hielt schon den frühen Saisonstart im Spätsommer für einen überstürzten, erachtete den späten Start im Nachbarverbands HV Westfalen im Oktober für die bessere Variante. Und trotz seiner Bedenken hält er auch die jetzige HVN-Entscheidung für vorschnell. Slawski betont: „Die Gesundheit geht vor. Auf Deubel komm raus spielen, das ist völliger Unsinn.“ Er sagt aber auch: „Es hätte doch nichts dagegen gesprochen, wenn wir auch im Juni und Juli noch gespielt hätten. Vielleicht mit einer kleinen Aufstiegsrunde.“ Eine solche für die Besten in den Ligen und einen Ligapokal für die nicht aufstiegswilligen und damit das Angebot einer möglichen Perspektive für die Handballer hält sich übrigens der westfälische Verband noch offen.

Für die Klubs im HVN-Gebiet schließt dagegen bereits am MIttwoch die Politik die Türen der Spielzeit.