Der Mann mit dem Koffer hatte stets das letzte Wort beim TV Borken

Handball: Nach über 20 Jahren beendet Hans Krautwurst seinen Job als Betreuer der Verbandsliga-Damen

Es sind Menschen wie Hans Krautwurst, die wie Schmiermittel innerhalb eines Klubs wirken – damit ein Zahnrädchen reibungslos ins andere greift. Sie arbeiten im Hintergrund. Das Rampenlicht ist nicht ihr Ding. Im Schatten der Aktiven fühlen sie sich wohler. Auf Fotos der jubelnden Mannschaft müssen sie bisweilen geschoben werden – und stellen sich dann nur an den Rand. Auch Krautwurst. Nun geht er. Nach über zwei Dekaden als Betreuer der Verbandsliga-Damen des TV Borken.

Die Trainer kamen und gingen beim TV Borken, Hans Krautwurst blieb – über 20 Jahre: Hier freut er sich am 21. August 2016 mit Coach Andreas Stolz (links) über den Triumph gegen die HSG Radevormwald.

„Er wird uns fehlen“, sagt Jörg Levermann, Trainer der Handball-Damen des TV Borken überzeugt und mit etwas Wehmut in der Stimme. Er sagt es über Hans Krautwurst, den Betreuer seines Verbandsligisten, der selber sagt: „Jeder in der Mannschaft ist wichtig“ – sich selbst aber nicht wichtig nimmt. „Ich tue nur das, was getan werden sollte.“ Drum steht auch der Entschluss des 64-Jährigen. Er sagt: „Man soll ja aufhören, wenn‘s am Schönsten ist.“ Und bei ihm mündete dieses Gefühl in einer Entscheidung: Nach über 20 Jahren setzt er hinter sein Engagement für die Damen einen Punkt. Seine letzte Saison endete bereits am 8. März. Vorzeitig. Ohne Verabschiedung. Die wird am ersten Spieltag der neuen Saison nachgeholt. Emotionen sind garantiert.

Eine Institution, ein Typ, ein Original, ein Mensch

 

„Hans ist eine Institution, ein Typ, ein Original, ein Mensch. Und was für einer“, sagt Levermann über Krautwurst, der doch in der ersten Hälfte seiner 64 Lebensjahre so gar nichts mit dem Handball zu tun hatte.

Seine Begeisterung galt dem Fußball, in Groß Reken kickte er. Berührungspunkte mit dem Handball hatte er lediglich über die angeheiratete Verwandtschaft. „Die Familie meines Schwagers ist eine Handball-begeisterte“, sagt er. Und als es darum ging, für seine Tochter eine sportliche Betätigung zu finden, versuchten es die Krautwursts einfach mal mit dem Handball. Das war Anfang der 1990er-Jahre. Beim TV Borken. In der D-Jugend. Doch während die Tochter schon nach zwei Jahren die Lust verloren hatte, blieb der Vater hängen. Als dann ein neuer Co-Trainer für die Mannschaft gesucht wurde, ging der Klub auf den Vater zu, der kein Training und kein Spiel seiner Tochter verpasst hatte. „Ich konnte nicht Nein sein. Und ich hab mein Ja von damals nie bereut“, sagt Krautwurst, der sich schnell auch als Organisationstalent entpuppte: Im Team stellte er regelmäßig Jugendfahrten des Klubs auf die Beine. Zu Turnieren nach Paris, Den Haag, an den Twistesee, ins Sauerland. Und, und, und. Ehe er dann 1999 in den Damenbereich wechselte, wurde er mit der Borkener B-Jugend noch niederrheinischer Oberliga-Meister.

Immer eine Motivationsspritze im Medizinkoffer

 

„Ich liebe Kinder“, sagt Krautwurst. Und ein Kind war es auch, das ihm nun die Entscheidung aufzuhören erleichterte. Sein Enkelkind. Seit zwei Jahren ist Krautwurst Opa. „Als Großvater verschieben sich die Prioritäten nochmal“, sagt der ohnehin Vielbeschäftige, der als Betriebsrats-Chef für die Belegschaft im Borkener Krankenhaus und Seniorenheim fungiert, sich darüber hinaus im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen im Bistum Münster engagiert.

„Ich falle demnächst also auf gar keinen Fall in ein Loch“, versichert der 64-Jährige, der in seinem Ehrenamt als Betreuer der Borkener Damen kaum ein Training verpasste. Und noch weniger Spiele. Nur etwa ein Dutzend waren es in den 21 Jahren. „Hans gehört zu denjenigen, die sich stets abmelden, wenn sie mal nicht zum Training kommen können“, schätzt Levermann auch die Zuverlässigkeit des Mannes mit dem Medizinkoffer, in dem Krautwurst auch stets eine „Motivationsspritze“ verstaute. „Wenn wir Trainer unmittelbar vor dem Anwurf noch im Mannschaftskreis abschließende Anweisungen geben, dann hat er immer noch das allerletzte Wort. Es sind meist nur vier, fünf Worte. Aber die sitzen. Die pushen das Team nochmal.“

 

Gute Seele und gleichzeitig das schlechte Gewissen

 

Über 500 Mal hat Krautwurst das in den zwei Dekaden gemacht. Er kümmerte sich vor den Spielen unter anderem darum, dass Trikots, Spielerpässe, grüne Time-Out-Karten für die Trainer und so weiter griffbereit waren. „Die Frage: Haben wir an alles gedacht, stellte sich fürs Team und die Trainer nicht. Hans denkt mit. Er ist unsere gute Seele und gleichzeitig unser schlechtes Gewissen. Er sorgt dafür, dass es uns gut geht“, sagt Levermann. Und auch, wenn im Training mal einer zum Beispiel im Abwehrblock fehlte, stand Krautwurst seinen Mann.

Übungsleiter gingen und kamen beim TV Borken in all den Jahren. Und auch die Spielerinnen, die er einst in der Jugend trainierte, mit ihnen viel unterwegs war, sind nicht mehr da. Krautwurst aber blieb und entwickelte sich zum Mann, dem die Mannschaft vertraute. Auch werdende Mütter im Team. So manche Spielerin bat den gelernten Anästhesiepfleger bei der Geburt des Nachwuchses dabei zu sein. „Dieser Klub, diese Mannschaft hat mir so viel gegeben. Ich habe keinen Tag bereut“, sagt Krautwurst über seine sportliche Beziehung, die eben von gegenseitiger Wertschätzung geprägt war. „Aber jetzt freue ich mich auch auf mehr Zeit mit meiner Frau, meiner Tochter und meinem Enkelkind, das ich nun öfter besuchen kann.“

 

Aufstieg vor vier Jahren in die Oberliga

 

Am Samstagnachmittag, beim sportlichen Saison-Abschluss des Verbandsligisten beim SSV Gartenstadt, hätte Krautwurst zum letzten Mal sein „Rundum-Wohlfühlpaket“ geschnürt. Der Saison-Abbruch aber kam dazwischen. Vermutlich verhinderte der auch die Rückkehr der Borkener Handball-Damen in die Oberliga. Vor vier Jahren war Krautwurst mit denen erstmalig in die Oberliga aufgestiegen. „Ein tolles Erlebnis“, sagt er in Erinnerung an jenen 17. April 2016. Als die Sektkorken knallten. Als Bilder für die Vereinschronik geschossen wurden. Als Krautwurst aber immer wieder auf die Mannschaft zeigte. Und als er schließlich nur dank der Überredungskünste einiger Spielerinnen seinen Platz auf dem Meisterfoto einnahm. Am Rand. So ist er eben.