Kapitänin erlebt ihren zweiten Frühling

Handball: Astrid Heidt vom TV Borken über die Gründe des überraschenden Verbandsliga-Höhenflugs

Dann hebt sie ab…: Seit ihrem fünften Lebensjahr geht die mittlerweile 29-Jährige für den TV Borken auf die Jagd nach Toren und Punkten. Bereits 2016 stieg sie mit dem Klub in die Oberliga auf. Gelingt ihr mit Borken nun erneut der große Wurf?

Sie ist eine Dauerbrennerin. Und wenn sie auf dem Feld explodiert, wenn sie abhebt und draufhält, gehen sogar die gegnerischen Torhüterinnen bisweilen in Deckung. „Ich fühle mich richtig gut und total fit“, sagt Astrid Heidt. Sie schreitet bei den Handball-Damen des Verbandsligisten TV Borken in verantwortlicher Position voran. Gemeinsam mit ihrer Teamkollegin Sarah Milsom van de Loecht ist sie Kapitänin der Mannschaft des Trainer-Gespanns Michele Grimmelt und Jörg Levermann. Und es sieht ganz so aus, als würde die drittälteste Akteurin des Verbandsligisten gerade ihren zweiten sportlichen Frühling erleben.

„Diesen tollen Sport in so einer fantastischen Mannschaft ausüben zu können, das erachte ich als ein Geschenk“, sagt die 29-Jährige. Die wehrt jedoch den Fingerzeig auf ihre Person ab, wenn es um die Suche nach Verantwortlichen und Gründen für den überraschenden Erfolg ihres Teams geht. Sie spiele eben in einem Orchester. Und in dem schon gar nicht die erste Geige. „Nur im Team funktionieren wir“, sagt Heidt, die auch in Sachen Oberliga-Rückkehr nicht auf die Pauke hauen möchte: „Mal gucken. Aber schön wär’s natürlich.“

Als Fünfjährige hatte sie den Handball und auch den Verein für sich entdeckt. „Wir sind eine große Familie. Die Atmosphäre stimmt. Man kennt sich, man schätzt sich“, sagt die Erzieherin, die zwischenzeitlich auch vier Jahre lang selber eine Jugend-Mannschaft trainierte.

Im September 2018 wurde ihr Sohn geboren. Schon im Frühjahr 2019 aber stand sie schon wieder zeitweilig auf dem Handball-Feld ihre Frau. Was verdeutlicht, wie wichtig ihr dieser Sport, dieses Team ist. Gleichwohl: Job, Familie, Sport im Leistungsbereich – Heidt musste ihr Leben neu organisieren.

Umso erstaunlicher ist der neuerliche Anstieg ihrer Leistungskurve in dieser Spielzeit, in der sie mit ihrer Mannschaft zu den Sternen greift. Ein Griff, der so nicht im Plansoll stand. „Eigentlich wollten wir nur die Besten der Liga etwas ärgern. Wir haben innerhalb der Mannschaft bis heute nicht über den Aufstieg gesprochen“, versichert sie.

Die Tabelle lügt aber nunmal nach etwa zwei Dritteln der Saison nicht mehr. Der TV Borken ging als Tabellendritter in die Saison-Unterbrechung, ist mitten drin in der Verlosung, hatte die meisten dicken Brocken der Liga in der Rückserie bereits hinter sich. Doch dann die Zwangspause. „Schade. Wir waren gerade so im Aufwind“, so Heidt.

Dabei war noch vor wenigen Wochen an einen Borkener Angriff auf die Spitze nicht zu denken. Denn bis auf fünf Punkte war der Tabellenführer HC TV Rhede im Februar davongezogen. Andere zogen an den Borkenerinnen in der Tabelle vorbei. „Für die war aber offensichtlich der Druck zu groß“, fahndet Heidt nach Gründen für die Ergebnismisere der Konkurrenz im hohen Norden der Tabelle.

„Wir mussten uns wohl am Anfang der Saison erst noch finden“, sagt sie dagegen über Borkens leistungstechnischen Gemischtwarenladen in der Hinrunde. Ein Findungsprozess, der jedoch längst abgeschlossen ist. In den letzten 13 Spielen verlor der TV Borken nur ein einziges Mal. 23:24 in Rhede. Die Trainer haben den Spielerinnen nun Trainingspläne zugehen lassen. Alle sollen und wollen sich fit halten und präpariert sein für den Fall, wenn es dann doch nochmal weiter gehen sollte mit der Spielzeit.

Einmal ist Heidt bereits in die Oberliga aufgestiegen. Das war vor vier Jahren. Ein kurzes Intermezzo. Nach zwei Jahren ging’s wieder runter. Drum spricht Heidt aus Erfahrung, wenn sie sagt: „Eine Meisterschaft ist für jede Mannschaft ein super Ereignis. So etwas schweißt noch mehr zusammen.“

Heidt spricht von einem gewinnbringenden Klima im Klub und im Team. Und sie zieht in ihre Beurteilung auch das Trainer-Duo mit ein. „Beide sind fachlich und menschlich top. Ich habe allergrößten Respekt vor ihrer Arbeit mit uns. Eine Damen-Mannschaft zu trainieren, das ist schon etwas Spezielles. Die beiden haben die Truppe im Griff.“

Nicht ausgeschlossen also, dass sich das Team samt ihrer Übungsleiter kurzfristig in den Armen liegen und kräftig feiern könnte. Offizielles Saisonende ist am 9. Mai. Aber tatsächlich ist das Ende offen. Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert: Wie happy wird das end für den TV Borken? „Erfolge sind schön. Titel noch schöner. Aber es gibt eben Wichtigeres im Leben. Das stellen wir in diesen Tagen besonders fest. Die Prioritäten verschieben sich“, sagt die Handballerin, Erzieherin – und Mutter.