„Das ist kein Superspreader-Sport“

Handball: Warum der niederrheinische Verband die Saison fahrplanmäßig fortsetzen will

 

In einigen Hallensportarten haben die zuständigen Verbände die Saison unterbrochen. Im Handball soll’s jedoch fahrplanmäßig weitergehen.

 

Steffen Wienand (rechts) schied mit seinen Handballern des TV Borken aus dem Kreispokal zwar aus. Am kommenden Wochenende geht‘s mit der Landesliga jedoch weiter. Dies entschied der Verband.

Das hat das Präsidium des Handballverbandes Niederrhein zusammen mit den Kreisvorsitzenden nun so beschlossen. Vorbehaltlich weitergehender politischer Entscheidungen gilt für die Handballer die Regelung 2G+. Im Gespräch mit BZ-Sportredakteur Martin Ilgen begründet HVN-Vizepräsident Stefan Butgereit den Beschluss.

 

BZ: Ihr Verband hat sich für eine Fortsetzung der Saison ohne Unterbrechung ausgesprochen. Wie klar fiel diese Entscheidung aus?

Butgereit: Die war zwar nicht einstimmig, letztlich aber glasklar. Wir leben jetzt fast zwei Jahre mit der Pandemie. Und in dieser langen Zeit hat auch die Wissenschaft und die Politik in Bezug auf den Umgang mit dem Virus dazugelernt. Die Entscheidung der Politik, uns unter Einhaltung strenger Regeln weiterspielen zu lassen, wurde also auf der Grundlage von Erfahrungen und Erkenntnissen getroffen. Wenn man uns Handballern nun die Möglichkeit gibt die Saison fortzusetzen, dann wurde das mit Bedacht getan. Und diese Möglichkeit sollten wir dann auch nutzen.

 

BZ: Auch aus Sorge, dass wie im Vorjahr vor allem Jugendliche dem Handball den Rücken zukehren könnten?

Butgereit: Dass wir in 2021 Nachwuchs verloren haben, das tut uns natürlich weh. Aber das ist nicht der Grund. Wir sehen diesbezüglich vielmehr die negativen Folgen für die Jugend. Verbände und Vereine haben auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Ohne ihren Sport nehmen wir den jungen Leuten etwas Wichtiges weg. Die daraus resultierenden negativen Folgen sind allgemein bekannt.

 

„Wir haben die Regel 2G+ und damit ein extrem hohes Maß an Sicherheit“

 

BZ: Hallensport, speziell Kontaktsport, gilt jedoch als besonders gefährlich…

Butgereit: Wir haben die Regel 2G+ und damit ein extrem hohes Maß an Sicherheit. 100 Prozent sicher kann man in keinem Sport sein. Ja, Handball ist ein Kontaktsport, aber einer mit extrem kurzen Kontakten. Das ist kein Superspreader-Sport.

 

BZ: Gleichwohl ist der Aufwand für die Klubs und Mannschaften enorm, speziell die Testungen der Aktiven zu kontrollieren.

Butgereit: Das stimmt. Aber hier macht uns die Ankündigung der NRW-Landesregierung Hoffnung. Die will am Mittwoch entscheiden, ob bei Geboosterten Testungen entfallen können. Das wäre natürlich eine Erleichterung für alle.

 

„Wir werden pragmatisch handeln“

 

BZ: Gibt’s im Gebiet des HVN auch Vereine, die eine Saison-Fortsetzung unter diesen Bedingungen ablehnen?

Butgereit: Die gibt es. Aber nur sehr, sehr vereinzelt. Wir sind sehr froh, dass unsere Entscheidung auf einer so breiten Basis steht.

 

BZ: Aber wie gehen Sie dann mit solchen Klubs um? Was wird aus deren Punktspielen?

Butgereit: Da werden wir pragmatisch handeln. Noch haben wir ja nicht die Hälfte der Saison gespielt, die eine Wertung möglich macht. Die ist aber im absoluten Interesse der Sportler.

Kommentar von Martin Ilgen: Entscheidung ohne Gewähr

Seit fast zwei Jahren ächzt der Amateursport unter den Folgen der Pandemie. Und noch immer tut sich keine Tür in die Normalität der Vergangenheit auf, an die man sich kaum noch erinnern kann. Wie auch, wenn sogar die Wissenschaft noch (dazu)lernen muss.

Und was jetzt? Einfach weitermachen? Oder doch lieber unterbrechen? Oder sogar abbrechen? Verbände einiger Hallen-Sportarten haben Klarheit geschaffen und die Saison bis „auf Weiteres“ unterbrochen. Andere ringen um die Fortsetzung. Alle haben zwar gute Argumente für ihre Entscheidungen, aber keine Gewähr für deren Richtigkeit.

Nicht ausgeschlossen, dass nun auch die dritte Spielzeit am Stück den Bach heruntergeht, dass vielleicht sogar auch noch über dem nächsten Winter ein Grauschleier hängt. Aber das entscheidet weiß Gott nicht der Sport allein. Sondern wir. Die Gesellschaft.